„Das unsichtbare Rückgrat der Pflege“
Von insgesamt 5,7 Millionen Pflegebedürftigen werden 86 Prozent zu Hause versorgt, viele ohne Pflegedienste. Angehörige gehen so oft an ihre Grenzen und darüber hinaus. Sie brauchen mehr Unterstützung, und zwar direkt vor Ort.

„Wir wurden gezwungenermaßen zu Hochleistungspflegern“, erinnert sich Marcel S.* Als sein Vater im Februar 2020 stürzte, zog er sich einen Oberschenkelhalsbruch zu und wurde in Pflegegrad 2 eingestuft. „Was dann folgte, war ein fünfjähriger Kampf“, beschreibt der 40-Jährige die Situation heute.
Er und seine Mutter teilten sich den Haushalt, die Bürokratie und die Pflege – „alles ohne Pause, ohne Ablösung“. In den folgenden Jahren brauchte der Vater immer mehr Unterstützung, bis er mit einem Pflegegrad 4 bettlägerig wurde und nach einem Schlaganfall im März 2025 zu Hause starb.
Viele zweifeln an guter Pflege im Bedarfsfall
„Allein die Bürokratie war kraftraubend“, erzählt Marcel S. Die verpflichtenden Pflegeberatungen empfand er als oberflächlich und wenig hilfreich. Besonders fehlte ihm und seiner Mutter eine Unterstützung, die ihre individuelle Situation berücksichtigte. In der Pflegekasse herrschte oft Ratlosigkeit und Mails blieben unbeantwortet.
Im letzten Jahr der Pflege legte Marcel S. jeden Tag ungefähr fünf Kilometer im Haus zurück, wie ein Schrittzähler zeigte. „Ich schlief oft nur zwei bis drei Stunden in der Nacht“, erzählt er. Doch die Pflege habe absolute Priorität gehabt. „Es fehlt an einer soliden Pflegestruktur, die die Pflegebedürftigen und ihre pflegenden Angehörigen gut unterstützt“, stellt VdK-Präsidentin Verena Bentele fest. Das derzeitige System weist zu viele Lücken auf, und die Verantwortung zersplittert zwischen den Akteuren – von den Krankenkassen über Bund, Länder und Kommunen bis hin zu den Pflegeeinrichtungen.
Laut Barmer-Pflegereport 2025 ist die Zahl der Pflegebedürftigen zwischen den Jahren 2015 und 2023 von drei auf 5,7 Millionen Personen angestiegen. Und sie wird aufgrund der demografischen Entwicklung weiter wachsen. „Das zeigt, wie wichtig eine bedarfsgerechte Unterstützung ist“, betont Bentele. Doch die Sorge um die eigene Pflege im Alter wird größer. Nur 30 Prozent der Menschen in Deutschland halten es für wahrscheinlich, dass sie im Pflegefall gut versorgt werden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen, repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag des VdK durchgeführt hat.
Als alarmierendes Signal für Politik und Gesellschaft wertet der VdK, dass 55 Prozent der Befragten glauben, ihre Pflege wäre in Zukunft nicht gewährleistet. Auf die Frage, wer die Verantwortung dafür trägt, dass Menschen die Pflege erhalten, die sie benötigen, sehen 82 Prozent den Staat in der Verantwortung. Zudem spielt die eigene Verantwortung beziehungsweise die der Familie für die Befragten eine große Rolle (72 beziehungsweise 59 Prozent). „Die Menschen erwarten eine starke staatliche, also gesamtgesellschaftliche Absicherung und nicht – wie in den aktuellen Kürzungsdebatten formuliert – den Rückzug“, interpretiert Bentele die Ergebnisse der Umfrage. Die Pflege muss als Pflichtaufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge direkt vor Ort angesiedelt werden.
VdK: Pflege in die Hände der Kommunen geben
Die Kommunen sind nah am Menschen und können erforderliche Maßnahmen passgenau umsetzen, indem sie Bedarfe ermitteln, vorhandene Angebote koordinieren und, wenn nötig, eigene Strukturen aufbauen. Die Hilfe aus einer Hand würde Pflegebedürftige und ihre Angehörigen – das „unsichtbare Rückgrat der Pflege“, wie Marcel S. sie bezeichnet – besser unterstützen und vor Überlastung schützen.
Um die oft angespannte Finanzlage der Kommunen nicht zu verschärfen, sollten Bund und Länder die Kosten für die pflegerische Versorgung dauerhaft und vollständig übernehmen. Unbürokratisch möglich wäre das beispielsweise durch höhere Zuwendungen im kommunalen Finanzausgleich. Die Pflegekassen würden weiterhin Kostenträger für individuelle Leistungen bleiben.
* Name der Redaktion bekannt