Kategorie Gesundheit

Resilienz-Experte Hendrik Heuermann: „Eine Diagnose ist keine Prognose“

Wie schafft man es, trotz schwerer Erkrankung den Kopf nicht in den Sand zu stecken? Darüber haben wir uns mit Resilienz-Experte Hendrik Heuermann unterhalten, der selbst unter einer fortschreitenden neurologischen Krankheit leidet.

Guter Umgang mit schlechten Zeiten: Hendrik Heuermann bietet Vorträge und Workshops für Privatpersonen und Führungskräfte. © privat

Der 43-Jährige erhielt 2006 die Diagnose Friedreich-Ataxie – eine seltene, erbliche neurodegenerative Erkrankung, die unheilbar ist. Aber anstatt aufzugeben, entwickelte Heuermann neuen Kampfgeist und eine mentale Haltung, die ihm half, mit den Herausforderungen der Krankheit umzugehen. Heute gibt er seine Erfahrungen weiter, trainiert Führungskräfte und Privatpersonen im Umgang mit Krisen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie man seine eigene Resilienz stärken kann.

Herr Heuermann, wie geht es Ihnen?

Ganz gut. Ich fühle mich deutlich fitter, als viele Ärzte es damals erwartet haben. Insgesamt bin ich auf einem guten Weg und möchte etwas von diesem Schwung weitergeben.

Gutes Stichwort: Sie halten Vorträge, haben ein Buch geschrieben und ein Programm entwickelt über Resilienz – was bedeutet das eigentlich genau?

Für mich bedeutet Resilienz auf jeden Fall nicht, nach einer Krise möglichst schnell wieder zum alten Leben zurückzukehren. Resilienz heißt, die Krise anzunehmen, daraus zu lernen und das eigene Leben neu auszurichten.

Mitglied werden

Wie ist es Ihnen selbst nach der Diagnose gelungen, wieder nach vorne zu schauen?

Zuerst gar nicht. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Mit 24 sagte man mir im Grunde: Dein Leben, wie du es geplant hast, wird so nicht stattfinden. Das Wort „unheilbar“ brannte sich wie ein Tattoo ins Bewusstsein. Erst nach etwa zwei Jahren verstand ich etwas Entscheidendes: Diagnose und Prognose sind nicht dasselbe. Die Diagnose ist ein Fakt. Die Prognose dagegen ist eine statistische Vermutung über den möglichen Verlauf. Dieser Gedanke gab mir Mut zurück. Plötzlich entstand wieder Spielraum: Vielleicht entwickelt jemand ein Mittel gegen die Krankheit. Vielleicht verläuft meine Krankheit anders. Von da an suchte ich nach Möglichkeiten, mein Leben anzupassen ohne aufzugeben.

Viele unserer Mitglieder müssen auch schwierige gesundheitliche Herausforderungen meistern. Wie kommen sie am besten aus dem Grübeln heraus?

Der erste Schritt ist, sich Zeit zu nehmen. Eine schwere Diagnose erschüttert die Seele. Niemand schaltet sofort in einen konstruktiven Modus. Deshalb empfehle ich viel Sanftheit gegenüber sich selbst. Achtsamkeitsübungen helfen dabei, zur Ruhe zu kommen und die Gedanken zu ordnen. 

Hilfreich ist auch eine einfache Merkhilfe: GEWÜRZ. Das „G“ steht für Gebrauchtwerden. Menschen mit einer schweren Krankheit haben oft Angst, nicht mehr gebraucht zu werden. Deshalb ist es wichtig, sie weiterhin einzubeziehen, um Rat zu fragen oder sie als Gesprächspartner ernst zu nehmen. Das „E“ steht für Erlernen. Entwicklung hört nicht auf. Neue Erfahrungen und neues Wissen geben das Gefühl, dass das Leben weitergeht und sich weiterhin entfaltet. Das „W“ steht für Würde. Egal wie sich das Leben verändert – es muss würdevoll bleiben. Für viele Betroffene ist das ein entscheidender Punkt. Das „Ü“ steht für Überlegenheit. Jeder Mensch braucht einen Bereich, in dem er Stärke erlebt, etwas gut kann oder anderen voraus ist. Dieses Gefühl von Kompetenz gibt Kraft. Das „R“ steht für Ruhe. Niemand kann rund um die Uhr gegen eine Krankheit kämpfen. Körper und Seele brauchen Pausen, in denen man abschalten darf. Und das „Z“ steht für Zugehörigkeit. Gemeinschaft trägt durch schwere Zeiten. Gerade Organisationen wie der VdK zeigen, wie wichtig es ist, Menschen zu haben, die ähnliche Erfahrungen teilen und sich gegenseitig unterstützen.

Was hilft mehr: Ablenkung oder Auseinandersetzung?

Beides. Wer nur verdrängt, kommt nicht weiter. Wer ständig recherchiert, macht sich verrückt. Ich empfehle eine klare Struktur: Vormittags, wenn Energie da ist, beschäftigt man sich mit schwierigen Themen. Abends schützt man sich bewusst – mit Ablenkung, Gesprächen oder etwas Schönem. Besonders wichtig ist es, den Schlaf zu schützen. Die Erholung in der Nacht braucht sowohl der Körper als auch die Seele.

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld?

Eine riesige. Niemand entwickelt Resilienz im Alleingang. In einer Gemeinschaft von Menschen, die füreinander da sind, lassen sich Krisen sehr viel besser bewältigen.

Viele suchen auch im Internet nach Antworten. Was halten Sie von Google oder KI?

Schon Googeln führt oft in Sackgassen. KI wirkt noch gefährlicher, weil sie scheinbar eindeutige Antworten liefert. Tatsächlich simuliert sie nur Expertise. Medizin ist selten schwarz oder weiß – und genau dies bildet KI oft nicht ab.

Wann sollten Betroffene Unterstützung suchen?

So früh wie möglich. Eine schwere Diagnose fordert Körper und Seele enorm. Niemand muss das allein bewältigen. Gleichzeitig hilft es, sich selbst zu fragen: Wie kann ich mich motivieren, möglichst gesund zu leben? Wer eigene Energie einbringt, profitiert stärker von externer Hilfe.

Lohnt es sich, über Resilienz nachzudenken, wenn gerade alles gut läuft?

Unbedingt. Kein Leben bleibt ohne Krisen. Wer früh lernt, loszulassen, sich zu motivieren und mit Rückschlägen umzugehen,
stärkt seine Widerstandskraft für später.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft?

Ich betone immer wieder: Eine Diagnose ist keine Prognose. Wie sich das Leben danach entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab – und einige davon liegen in unserer Hand. Mein Leitsatz lautet deshalb: „Wir werden sehen.“